Im Juni ist unser mfm-Mitglied gestorben.


Ich bin die Stimme
die aus der Stille kommt.
Ich bin das Wort
das im Dunkel bleibt.

Ich bin die Hand
die nach dir greift.
Ich bin die Liebe
die nicht vergeht.

Erinnern von Rose Ausländer

Nach einem vollen Leben ist Lising gestorben, im Beisein ihrer langjährigen Partnerin Renate Lettenbauer. Unser herzliches Beileid gilt Renate und allen, die mit ihr verbunden sind; unser herzliches Dankeschön für alles, was Lising mit großem Engagement und Sachkenntnis eingebracht hat. Sie war eine Impulsgeberin und aus dem Hintergrund dann präsent, wenn sie gebraucht wurde. Sie war interessiert und aktiv im Leben des Vereins als Mäzenin, Netzwerkerin und Besucherin. Sie war da für mfm.

In tiefer Trauer stellvertretend für den mfm-Vorstand die ganz persönliche Erinnerung von Sou an Lising:

„Ich traf Lising und auch Renate erstmals bei einem Vorstandstreffen von mfm im Jahr 2013, als mfm versuchte, sich kurz vor dem Niedergang des Vereins noch einmal aufzurappeln. Eines Tages erhielt ich einen Anruf von Renate, die ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht kannte und mir anscheinend etwas aufschwatzen wollte. Als ich erfuhr, worum es geht – dass ich in den Vorstand eines mir vollkommen unbekannten Vereins sollte –, war ich zunächst äußerst skeptisch, konnte aber so weit bewegt werden, mir das Ganze einmal anzuschauen, und so war ich bei jener Vorstandssitzung von mfm bei Rose Kaiser dabei.

Sie hatte in ihrem Wohnzimmer aufgetafelt. Ich saß am einen Kopfende des langen Tisches, Lising am anderen und taxierte mich beobachtend. Ich hatte eine schlimme Zeit an einer Arbeitsstelle hinter mir, in der meine Expertise und Mitarbeit nicht wirklich gewünscht waren. Zu diesem Zeitpunkt war gerade Linda Maria Koldaus wegweisendes Buch Frau – Musik – Kultur (2005) zu Komponistinnen in Deutschland der Frühen Neuzeit Thema, ein über 1000 Seiten starker Wälzer. Lising wollte wissen, ob ich den kannte und was ich davon hielt, und dann entwickelte sich eine Art Prüfungssituation, in der ich mir ein bisschen vorkam wie zur mündlichen Uni-Abschlussprüfung, aber ich meisterte das, und Lising schien zufrieden. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung, wer sie war oder welchen Studienhintergrund sie hatte.

Plötzlich war ich im mfm-Vorstand, weil alles passte: Meine Expertise und Ideen waren gefragt, mein Selbstbewusstsein war aus einem dunklen Keller geholt, und wir schafften es gemeinsam, mfm wieder auf die Beine zu bekommen. Ab da traf ich Renate und Lising einigermaßen regelmäßig in München, besonders zu den Frauenpartys von DJane Eleni, wo die beiden trotz Kniebeschwerden fleißig das Tanzbein schwangen und auch die Bewunderung der vor allem jüngeren Frauen auf sich zogen. Jede wünschte sich so etwas wohl für ihr eigenes Alter. 2013 wurden Renate und Lising ganz wunderbar porträtiert beim LFT in München. Beide immer äußerst interessiert, wofür sich junge Lesben so interessierten und ob sie sich politisch einsetzten für Gleichberechtigung.

2018 waren Renate und Lising nach Berlin gereist zur Eröffnung des Digitalen Deutschen Frauenarchivs, zu der Mary Ellen Kitchens – langjähriges mfm-Mitglied und eine Zeit lang auch im mfm-Vorstand – Ethel Smyths The March of the Women dirigierte. Pionierinnen bei Pionierinnen-Act dabei!

Auch in der Corona-Zeit halfen sie mir, indem sie mir ermöglichten, dringend benötigte Regale für eine bessere Arbeitssituation zu beschaffen. Die Feier zu ihrem Hochzeits- bzw. Zusammenseinjubiläums war etwas ganz Besonderes. 2024 wagten beide die lange und einigermaßen beschwerliche Reise zum LesbenFrühlingsTreffen am Werbellinsee im Norden von Berlin, wo es vier Tage lang – als eine der letzten Zusammenkunftsmöglichkeiten lesbischer Frauen – ansprechendes und bereicherndes Kulturprogramm gab und beide auch dort eine Attraktion darstellten als ältestes angereistes Lesbenpaar, ehrfürchtig bewundert vom jüngsten Lesbenpaar, die grade 18 Jahre alt geworden sind.

Am 17. November 2025 sah ich Lising und Renate ein letztes Mal zusammen im Podium des Literaturhauses München zum 50jährigen Jubiläum der Frauenbuchhandlung Lillemor’s zur Geschichte der Frauenbuchbewegung mit Doris Hermanns und ihrem Buch Sand im patriarchalen Getriebe – etwas, das zur deutschen Frauenmusikbewegung noch fehlt. Lising auch dort äußerst interessiert und eisern ihren Körper zusammenhaltend, das Gehör noch bestens und sich einmischend mit klaren Anweisungen, wenn es um Hilfe ging.

Ich bin dankbar, dass ich Lising als tolles lesbisches Vorbild kennenlernen durfte. Lising, wir machen weiter!“

Nachruf Forum Queeres Archiv München
Lising im Interview mit Barbara Stenzel (2010)
Porträt von Lising und Renate der Münchner Abendzeitung zum LFT 2013 in München
Lising im Interview zu ihrer Arbeit im Deutschen Jugendinstitut (2018)
Lising im Interview mit der Süddeutschen Zeitung zu ihrem Coming Out und als lesbische Zeitzeugin (2024)

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